Chronik

Ich möchte den Bestand unseres Turnvereines seit über 130 Jahren zum Anlass nehmen, über die geschichtlichen Vorgänge vor der Gründung und während der Zeitläufe bis heute zu berichten. Es soll dies keine Dissertation sein. Vieles ist subjektiv und nur meine Interpretation. Berichtigungen, Klarstellungen und Ergänzungen bitte per e-mail an: turnsimmering@gmail.com

Vorwort

Unbestritten ist Friedrich Ludwig Jahn der Erfinder des Turnens. Zu dieser Zeit, also um 1800, gab es Österreich wie wir es heute kennen nicht. Die Habsburgermonarchie war damals ein deutsches Staatsgebilde unter 80 anderen. Die meisten waren von Frankreich beherrscht. Nirgendwo gab es Freiheit oder Demokratie. Friedrich Ludwig Jahn, der zugleich Politiker, Turner, Burschenschafter, Freiheitskämpfer, Revolutionär und Patriot war, wollte das deutsche Volk durch körperliche Ertüchtigung und patriotische Erziehung in die Lage versetzen, sich sowohl der napoleonischen Unterdrückung, als auch der Herrschaft der Fürstenhäuser zu entledigen. Sein Ziel ein freier, demokratischer Staat wurde 1871 mit der Gründung des deutschen Reiches erreicht.
Es gab Vereine und ähnliche Verbindungen zum Zweck der Körperertüchtigung, Zusammengehörigkeit und gegenseitiger Unterstützung. Im Jahr 1820 kam es zu einer „Turnsperre“, die in Österreich erst in den 1860 Jahren endete.
Nach dem großen Brand in Simmering vom 26. Juli 1839 entwickelten sich Turnerfeuerwehren. 1876 wurde die „Freiwillige Turnerfeuerwehr und Rettungsabteilung Simmering“ gegründet. Diese erreichte, besonders unter der Führung des letzten k.u.k. Scharfrichters Josef Lang, einen hohen Grad an Disziplin und Ausbildungsstand. Sie zeichnete sich zum Beispiel bei der Bekämpfung des Ringtheaterbrandes vom 8. Dezember 1881 aus. Ein direkter Zusammenhang als Vorläufer unseres Turnvereines lässt sich nicht ableiten. Die Turnerfeuerwehr setzte sich aus Mitgliedern von Kraftsportvereinen und Stemmern zusammen.

Im Jahr 1889, dem Gründungsjahr unseres Vereines erfolgten unter vielem Anderen folgende Ereignisse:

Gegründet wurden: die Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP) in Hainfeld, die Sportunion als Christlich Deutsche Turnerschaft und das Missionshaus in St. Gabriel.

Neu war die gesetzliche Regelung einer Krankenversicherung für Arbeiter und Angestellte, der elektrische Stuhl in den USA und der Motorwagen von Siegfried Markus.

Am 8. Jänner ließ sich ein Herr Hollerith die maschinelle Verarbeitung von Lochkarten patentieren. Der Grundstein für die elektronische Datenverarbeitung.

In der Neubadgasse, im 1. Bezirk ging die 1. Stromzentrale zur Versorgung von Teilen Wiens mit elektrischem Strom in Betrieb.

Am 30. Jänner wurde Kronprinz Rudolf zum Mörder und Selbstmörder.

Am 31. März wurde der Eiffelturm in Paris fertiggestellt. Die Bevölkerung bezeichnete in als Schandfleck und initiierte eine Unterschriftenaktion für den Abbruch.

Am 6. Mai dann die Eröffnung der Weltausstellung, des Eiffelturmes und des Moulin Rouge in Paris.

Am 12. Mai erschien die erste Ausgabe der Arbeiterzeitung in Wien. Der Chefredakteur hieß Viktor Adler.

Am 10. August wurde das Naturhistorische Museum durch Kaiser Franz Josef und am

14. September das Wiener Volkstheater eröffnet.

Weiters erfolgte in diesem Jahr die Eröffnung der Achensee- und der Kamptalbahn sowie der Unterrichtsbeginn an der k.u.k. Staatsgewerbeschule, heute HTL Ettenreichgasse.

Geboren wurden in diesem Jahr: Charlie Chaplin, Ludwig Wittgenstein, Jean Cocteau, Jawaharlal Nehru und ein gewisser Schicklgruber, der später unter dem Künstlernamen “Adolf Hitler“ Europa ins Unglück stürzte.

Gleichfalls in diesem Jahr malte Vincent van Gogh 3 Sonnenblumenbilder, es erschien der Roman „Die Waffen nieder“ von Berta von Suttner und Gustav Mahler schrieb seine 1. Sinfonie.

1889 war also ein Jahr vieler Ereignisse in einer Zeit voller Änderungen und Neuerungen.

Und Simmering eine florierende Gemeinde bei Wien.

Vereinsgründung

Im Sommer 1889 fand wieder ein „Deutsches Turnfest“ diesmal in München statt. Eine Gruppe von Turnern aus Simmering nahm daran Teil und war so begeistert, dass im Oktober 1889 dann eine Gründungsversammlung einberufen und im aufstrebenden, niederösterreichischen Dorf Simmering der „Deutsche Turnerbund Simmering“ gegründet wurde. In einer Sitzung des Gemeindeausschusses vom 19. November 1889 wurde „die Überlassung des Turnsaales der Bürger- und Volksschule am Marktplatze“ (das ist der heutige Enkplatz) zu bestimmten Zeiten beschlossen. Ein Dokument des Bürgermeisteramtes Simmering vom 21. November 1889 bestätigt das. In einem weiteren Dokument vom 26. Dezember 1889 werden von der k.u.k NÖ Statthalterei die Grundgesetze, heute Statuten, unseres Vereines genehmigt.

Der Verein begann mit 20 ausübenden und 21 unterstützenden Mitgliedern.

1892 Kam das niederösterreichische Dorf Simmering zu Wien.

1894 gab es bereits 140 Mitglieder.

1914 gleich nach dem Jubiläumsfest des 25 jährigen Bestandes begann der 1. Weltkrieg. 12 Turner unseres Vereines starben.

1919 Die schwere Kriegszeit war vorbei, 30 Jahre Bestand wurde mit einem großen Schauturnen auf dem Simmeringer Sportplatz gefeiert.

1920 Durften auch Frauen in unserem Verein turnen.

1922 Das 1. Bundesturnfest fand in Linz statt. In den 20er Jahren bestellten Wiener Bootsverleiher bei einem Bootsbauer in Passau Zillen für die Alte Donau. Einige Turner unseres Vereines hatten die Aufgabe diese Zillen auf der Donau nach Wien zu überstellen. In diesen Jahren war das eine Herausforderung und zugleich Pfingsturlaub, der dem Verein auch ein kleines Zubrot brachte. Die Donau war damals wild fließend, ohne Kraftwerksstaustufen und besonders im Strudengau durch Strömungen und so genannte Strudel sehr gefährlich und daher gefürchtet. Die körperlich fitten und geschickten, dafür „Pfingstschwabler“ genannten Turner, meisterten diese Gefahren und überstellten die Boote mit Bravour.

1925 Der Verein wurde größer, er hatte bereits 334 Mitglieder. Der Verein erwarb am 6. Juni 1925 ein 15 000 m² großes Grundstück beim Zentralfriedhof, richtete es zu einem Sportplatz her und verwendete in als solchen jahrelang. Besonders die Schlagballer und Faustballer waren sehr erfolgreich.

1926 Am Wiener Trabrennplatz fand in der Zeit vom 15. – 19. Juli das 2. Bundesturnfest mit 15 200 Turnerinnen und Turnern vor 16 000 Zuschauern statt. Am Festzug nahmen 26 000 Personen mit 400 Fahnen, Standarten und 80 Festwagen teil. Simmering war mit ca. 100 Ausübenden beteiligt.

1929 Eines der glanzvollsten Ereignisse unseres Vereines war die Feier des 40 jährigen Bestandes. Mit einem großen Schauturnen (unter anderem angeblich 60 Turner zugleich im Handstand) auf dem Simmeringer Sportplatz und einem großen Festabend im Simmeringer Hof.

1934 Nach dem sogenannten Umsturz im Juli wurde unserem Verein im August darauf die Bewilligung zur Benützung der Turnsäle Herderschule und Realschule entzogen. Alle Turnvereine wurden in die staatlich gelenkte Österreichische Turn- und Sportfront eingegliedert. Umso mehr gab es Bestrebungen für eine vereinseigene Turnhalle.

1935 Es war soweit. Der Sportplatz beim Zentralfriedhof wurde an die Gemeinde Wien verkauft. Dafür wurde am 10 September 1935 von der Vereinigten Brauerei AG das Grundstück Wien 11., Hauffgasse 35 samt den darauf befindlichen Baulichkeiten erworben. Gesamtgröße 3060 m², davon ca. 1000 verbaut. Mit allen zur Verfügung stehenden Kräften, durch ca. 20 000 Arbeitsstunden der Mitglieder, Zahlungen zusätzlich zu den Mitgliedsbeiträgen, mit finanzieller Hilfe von Geschäftsleuten, durch Spenden der Simmeringer Bevölkerung, es konnte durch diese Maßnahmen der für diese Zeit beträchliche Betrag von 60,000,- Schilling aufgebracht werden, und schließlich durch die Aufnahme eines Hypothekarkredites, konnte der Umbau eines Hopfenstadels zu einer tadellosen Turnhalle in nur 2 Jahren durchgeführt werden.

1937 Im November konnte diese Halle mit einem feierlichen Festakt eröffnet werden.

1938 Österreich wurde als Ostmark dem Deutschen Reich angeschlossen. Unser Verein wurde, wie andere auch, dem nationalsozialistischen Reichsbund für Leibesübungen eingegliedert und in „Deutscher Turnerbund Wien – Gruppe Simmering“ umbenannt. Diese Umbenennung wurde im Grundbuch vermerkt.

1939 Durch den Ausbruch des 2. Weltkrieges, damit der Einberufung fast aller wehrfähigen Turner, gab es keinen Turnbetrieb. 27 Turner kamen nicht wieder.

1945 Nach dem Ende des Krieges wurden alle Turnerbundvereine aufgelöst. Das Vermögen und der Grundbesitz unter kommissarische Verwaltung gestellt.

1953 Der letzte Obmann während des Krieges, Ottokar Pantucek, hat in der schweren und gefahrvollen Nachkriegszeit den Turngedanken aufrecht erhalten. So wurde am 5. März der „Allgemeine Turnverein Simmering“ als Nachfolgeverein des Deutschen Turnerbundes Wien – Gruppe Simmering gegründet und in den ein Jahr zuvor gegründeten Österreichischen Turnerbund eingegliedert. Fast alle vorherigen Mitglieder, 130 an der Zahl, kamen wieder. Im September wurde bereits beim Bergturnfest auf dem Roppersberg teilgenommen. Als Turnplatz wurde wieder die Schule am Enkplatz von der Gemeinde Wien genehmigt.

1956 1. Bundesturnfest in Wels, 36 Teilnehmer aus Simmering. Bergturnfest am Roppersberg, 33 Teilnehmer, 5 Sieger. 1. Turnertreffen im kleinen Saal des Simmeringer Brauhauses. 80 Teilnehmer aus nah und fern gekommen, unterhielten sich bei Musik und Gesang. Dieses Turnertreffen fand bis Ende der 60er Jahre jährlich statt.

1958 Beim deutschen Turnfest in München zugleich 800 Jahr Feier Münchens waren 12 Mitglieder dabei.

1959 Rupert Moldaschl, der vom Turnverein Alsergrund zu uns gekommen war, holte durch persönlichen Einsatz und Vorbild die Jugend von der Straße. Das war gleichsam die Grundlage eines Generationenwechsels im Verein

1966 21 Jahre nach Kriegsende wurde, nach Regierungsbeschluß, unter anderen mit den Ministern Olah und Afritsch, die grundbücherliche Übertragung unseres Vermögens an den WAT Simmering durchgeführt. Als einziger Verein in Österreich hat unser Verein sein Eigentum, das Grundstück und die Turnhalle nicht zurückbekommen. Man kann es sich kaum vorstellen, dass in einem Rechtsstaat wie Österreich, ein solcher Schurkenstreich möglich war.

Die im Text zum Jahr 1935 genannten „Geschäftsleute“ waren „honorige Bürger“ Simmerings. Diese Art Bürger sind in Simmering leider bereits ausgestorben. Einige davon, unter anderen: Dr. Kofler, Dr. Zimmermann, Ratz, Frech, Eichler, Kurmayer, DI. Steyrer, Koch, Ailec, Tuma, Vorwallner kannte ich noch persönlich.

Im Kasten findet sich der Hergang des Erwerbs und der späteren Enteignung unseres Vereinsvermögens. Unseres Grundstücks Hauffgasse 35 und der darauf befindlichenTurnhalle.